Zahnmedizinische Versorgung von Flüchtlingen

Was bereits funktioniert und was Optimierung bräuchte – Zahnmedizinische Versorgung von Flüchtlingen in den Zahnarztpraxen „Schöner Mund“

Rund eine Million Flüchtlinge sind im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen. Rheinland-Pfalz zählte bis Dezember 2015 rund 50.000, Hessen hat im vergangenen Jahr fast 80.000 Flüchtlinge aufgenommen. In beiden Bundesländern sind die Zahnärzte von „Schöner Mund“ in ihren jeweiligen Praxen aktiv und behandeln selbstverständlich auch Flüchtlinge.

In rheinhessischen Alzey wurden 2015 mehrere hundert Flüchtlinge aufgenommen. 2016 werden mehr dazu kommen, die im alten Schlecker-Lager untergebracht werden sollen. Vor Ort werden sie von Mitarbeitern des Gesundheitsamts medizinisch erstversorgt oder im Falle akuter Schmerzen bzw. lebensbedrohlicher Erkrankungen zu Ärzten geschickt, die im Amtsbereich tätig sind. Auch in der Zahnarztpraxis „Schöner Mund“ behandelt man Flüchtlinge.

Einblicke in den realistischen Behandlungsalltag

Pro Woche kommen mehrere Flüchtlinge in die Alzeyer Praxis. Da die Menschen, die Hilfe benötigen, der deutschen Sprache kaum mächtig sind, ist es gut, dass bei „Schöner Mund“ mehrere Ärzte mit Migrationshintergrund arbeiten. Auch zwei syrische Kollegen sind dabei: Shadi Sobhia verließ seine Heimat Syrien 2003 und studierte Zahnmedizin in Mainz. Anschließend ergänzte er die Ausbildung zum Zahnarzt mit einem Zusatzstudium in Österreich, das ihn zum „Master of Science in Oralchirurgie und Implantologie“ qualifizierte. Ein weiterer syrischer Kollege ist Said Khawatmi. Bereits 2003 machte Khawatmi seinen zahnmedizinischen Abschluss an der Universität Aleppo in Syrien. Dort spezialisierte er sich bis 2005 auf die Kieferorthopädie, absolvierte sein Diplom und arbeitete sowohl in einer Zahnarztpraxis als auch als Dozent an der dortigen Universität. 2013 kam Khawatmi nach Deutschland, um hier zu arbeiten und parallel zu promovieren.

Wer als Flüchtling einen Arzt aufsuchen muss, benötigt zunächst einen Überweisungsschein, ausgestellt von der zuständigen Behörde, in der Regel dem Sozialamt. Mit dieser Überweisung begibt er sich in die Praxis. Spricht der Arzt seine Sprache, wie etwa die beiden Schöner-Mund-Zahnärzte Sobhia und Khawatmi, erleichtert dies die Verständigung enorm: „Wir sind verpflichtet, den Patienten aufzuklären. Das gelingt natürlich viel besser, wenn wir es in seiner Muttersprache tun können. Außerdem ist es für uns einfacher, jemanden zu behandeln, der die Schmerzen beschreiben kann und der weiß, dass man ihn versteht“, so Shadi Sobhia. Doch nicht immer sind die Sprachbarrieren so niedrig wie bei „Schöner Mund“. Insofern ist es gut, dass die Kassenzahnärztliche Vereinigung Zahnmedizinern verschiedene Formulare in unterschiedlichen Sprachen, auch in Arabisch, zur Verfügung stellt.

„Im Ermessen des Zahnarztes“: Eine klare Regelung für die zahnärztliche Behandlung steht noch aus

Wie sieht nun die Behandlung aus? Was darf ein Zahnarzt? Welche Leistungen übernimmt die Krankenkasse für einen Menschen, der hierzulande weder gesetzlich noch privat versichert ist? „Wir sehen ganz klar die Notwendigkeit, zu helfen und sind dazu auch grundsätzlich bereit“, so Dr. Andrea Bohnke, Zahnärztin bei „Schöner Mund“. Doch ist die Situation für Patient sowie Zahnarzt nicht ganz einfach: Ob eine solche „Minimalbehandlung“ veranlasst wird, entscheidet zunächst das zuständige Sozialamt ohne zahnmedizinische Voruntersuchung und erteilt dem Ermessen nach den Krankenschein als Basis für die Abrechnung des Zahnarztes mit dem Sozialamt. Noch gibt es keine offizielle Regelung des Gesundheitssystems für die Behandlung von Flüchtlingen innerhalb des deutschen Systems. Denn nicht alle Leistungen werden bezahlt und konkrete Vorgaben gibt es kaum. So schreibt der Gesetzgeber etwa die Notfallbehandlung und dabei die Beseitigung von Schmerzen und das Abwenden von akutem Schaden für die Gesundheit vor, ohne präzisere Angaben zu machen. „Auf der sicheren Seite ist man, wenn man einen erkrankten Zahn zieht. Dafür trägt die Kasse die Kosten“, so Bohnke. Doch selbstverständlich ist auch, dass die Extraktion eines Zahns nicht immer die nachhaltigste und beste Lösung ist. Gerade die Erhaltung von Zähnen ist ein wichtiges Kriterium der professionellen Zahnmedizin und selbstverständlicher Bestandteil der Behandlungsphilosophie bei „Schöner Mund“. Was in solchen Fällen zu tun ist, liegt bislang im Ermessen des Zahnarztes, der dabei das Risiko trägt, dass ihm Leistungen wie etwa eine Wurzelbehandlung oder Zahnsteinentfernung nicht bezahlt werden. „Es wäre für die Zukunft wünschenswert, wenn es klare, verbindliche Formulierungen gäbe. Dann können die Ärzte, die sich aktiv engagieren, sicher sein, dass ihnen der Einsatz, den sie mit bestem Wissen und Gewissen tun, auch annäherungsweise erstattet wird.“ Gleichzeitig stellt eine klarere Regelung der zahnmedizinischen Behandlung von Flüchtlingen sicher, dass Flüchtlinge tatsächlich so behandelt werden können, wie es ihre jeweilige, individuelle gesundheitliche Bedürfnislage erfordert.

 

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